Tiefenverhalten

Dieser Versuch soll das Verhalten von Welsen im Bodensee und seinen Zuflüssen unter natürlichen Bedingungen untersucht werden. Dieses Wissen ist notwendig, um den Einfluss der starken Bestandszunahme auf das heimische Ökosystem abschätzen zu können. Der Wels wächst ein Leben lang (bis zu 80 Jahre) und hat als Spitzenprädator ab einer gewissen Körpergröße keine natürlichen Feinde mehr. Der Einfluss auf das Ökosystem durch die Zunahme der Welsbestände und damit auch durch die Zunahme der Anzahl an großen Individuen sind bisher unbekannt. Dennoch wird der Wels immer häufiger beschuldigt, Fischbestände stark zu dezimieren. Um mehr über das Fraßverhalten herauszufinden, wird ein zweistufiger Ansatz gewählt: Zum einen soll über das Markieren und dem Wiederfang von Welsen die Raumnutzung näher untersucht werden, zum anderen werden die Tiere mit speziellen Tiefen-Loggern (Abb. 1) versehen, die Aufschluss darüber geben, in welchem Teil der Wassersäule sich die Welse in den jeweiligen Habitaten aufhalten. Daraus lassen sich wichtige Rückschlüsse ziehen: Mit welchen heimischen Arten teilt sich der Wels die verfügbaren Habitate, zu welcher Tageszeit sucht der Wels welche Tiefen auf und welche Fischarten werden durch dieses Verhalten besonders gefährdet? Derzeit besteht die Hypothese, das der Fraßdruck auf die heimische Fischfauna insbesondere im Herbst, vor der Winterung der Welse, und im Frühjahr, vor der Laichzeit, besonders hoch ist.

Abb. 1: Dieser Tiefen-Logger wird den Welsen in die Bauchhöhle implantiert. Er zeichnet auf, in welcher Tiefe sich der Wels aufhält.

Der Daten-Logger zeichnet sowohl Temperatur als auch den Umgebungsdruck auf. Anhand dieser Parameter kann die Wassertiefe, in der sich der Fisch, zu welcher Tageszeit und darüber hinaus auch zu welcher Jahreszeit aufgehalten hat, ermittelt werden. Der Grad der Magenfüllung hat dabei keinen Einfluss auf den Druck-Sensor des Daten-Loggers. Die Rate der Aufzeichnungen kann dabei frei festgelegt werden (1 Messung alle 15 Sekunden). Dabei wird jeder Messpunkt mit einem Zeitstempel (Uhrzeit und Datum) versehen. Bisher gibt es kaum Untersuchungen zum saisonalen Verhalten von Welsen. Welse haben ihr Temperaturoptimum bei 25-28 °C  dementsprechend gering ist ihre Aktivität während der Wintermonate. Wo genau sich die Fische in dieser Jahreszeit aufhalten, besonders in einem See mit hoher Tiefe, wurde bisher nicht untersucht.

Die Daten-Logger zeichnen den Umgebungsdruck und Temperatur über einen Zeitraum von etwa einem Jahr auf (Der Speicher beträgt 8 MB, bei einer Speicherrate von einer Messung alle 15 Sekunden wäre der Speicher nach etwa 480 Tagen gefüllt, die Batterielebensdauer beträgt je nach Einstellung etwas mehr als 730 Tage).

Die Messung beinhaltet die Temperatur (mit einer Auflösung von 0,03125°C) und den Umgebungsdruck bzw. die Tiefe (mit einer Auflösung von exakter als 30 cm). Es soll alle 15 Sekunden eine Messung erfolgen. Das bedeutet 11 520 Messprunkte (Temperatur und Druck) pro Tag. Da davon ausgegangen wird, nach 1 Jahr alle Fische wieder gefangen zu haben, entstehen im Beobachtungszeitraum etwa 4,2 Millionen Datenpunkte pro beobachtetem Individuum. Anhand der Messpunkte des Druckes kann über den Beobachtungszeitraum ein Tiefenprofil erstellt werden. Das bedeutet, anhand des Tiefenprofils lässt sich das Verhalten zu verschiedenen Tageszeiten ableiten. In welchen Tiefen hält sich der Wels während der Nacht auf (Oberflächennah oder in den tieferen Schichten). Wo hält sich der Fisch am Tag auf und wie verändert sich das Tiefenverhalten im Wechsel der Jahreszeiten. In welchem Verhältnis stehen Körpergröße und Geschlecht zur Tiefennutzung des Welses.

Anhand der Tiefe kann auch ohne die exakte Lokalisation auf die Lebensraumnutzung durch den Wels geschlossen werden. Beispielsweise kann in Erfahrung gebracht werden, ob der Wels sich tagsüber in größerer Tiefe aufhält oder eher ufernah in geringeren Tiefen. Gleiches gilt für das Verhalten während der kalten Wintermonate.

Direkt lokalisiert kann der Fisch natürlich nur bei Fang und Widerfang werden. Allerdings lassen bereits diese zwei Orte eine Aussage über Ausbreitungstendez zu. Besonders wenn die Fische, die einen Habitatswechsel erfahren haben, wieder in ihrem ursprünglichen Habitat gefangen werden oder ob diese im neuen Habitat bleiben.

Ebenso kann anhand der Änderung der Tiefe ein Hinweis für die Aktivität der Fische sein (häufige Änderung der Tiefe = aktiv).

Da der Lebensraum Bodensee und auch die Zuflüsse wie Argen und Rotach gut kartiert und untersucht sind, kann die Aufenthaltstiefe einen Hinweis auf das Verhalten der Fische liefern. Das Ausstatten der Welse mit Tiefen-Loggern, ermöglicht die Überprüfung der Hypothese, ob Welse sich auch im tiefen Freiwasser auf Nahrungssuche begeben und dabei beispielsweise die ohnehin bereits geschwächten Felchen-Populationen bejagen. Die Felchenbestände sind aufgrund mehrerer Ursachen (Nährstoffabnahme, Nahrungskonkurrenz Stichling etc.) seit Jahren rückläufig. Inwieweit und ob überhaupt der Wels auf Felchen als Nahrungsquelle zugreift, ist unbekannt. Gelingt jedoch im angestrebten Projekt die Beschreibung des vom Wels genutzten Tiefenprofil, können indirekt diese Fragen beantwortet und der potenzielle Einfluss abgeschätzt werden. Denn Felchen halten sich im Laufe eines Jahres nach einem gewissen Muster in bestimmten Tiefen des Sees auf. Sollte sich der Wels zu gewissen Zeitpunkten in denselben Tiefen wie die Felchen aufhalten (und Mageninhaltsanalysen die Prädation von Felchen bestätigen), kann über die Aufenthaltsdauer der Welse im Freiwasser und deren Bestandsabschätzung anhand von Fangdaten ihr potenzieller Einfluss auf die Felchen abgeschätzt werden.

Ein weiterer Ansatz des Versuches ist es, Welse aus dem See in die Zuflüsse bzw. Welse aus den Zuflüssen in den See umzusiedeln und diese genau wie die Vergleichsgruppe (Artgenossen im jeweiligen Habitat) mit einem Daten-Logger und einer Individualmarkierung zu versehen. Dadurch, soll die Anpassungsfähigkeit der Art untersucht werden. Der Ort des Wiederfangs gibt hierbei Aufschluss über das Ausbreitungspotential, das jeweilige Tiefenprofil der einzelnen Fische kann ihr Jagdverhalten im jeweiligen Habitat vergleichen. Das Tiefenprofil des Sees unterscheidet sich deutlich von dem der Zuflüsse. Zeichnet der Datenlogger beispielsweise eine Überschreitung der Maximaltiefe des jeweiligen Zuflusses auf, so kann sicher angenommen werden, dass der Fisch sich zum Zeitpunkt der Aufzeichnung im See und nicht in einem der Zuflüsse aufgehalten hat. Da alle Messpunkte mit einem Zeitstempel (Datum/ Uhrzeit) versehen sind, geben die Daten so auch Informationen über tageszeitlich präferierte Tiefen, Jagdzeiten im Tiefenwasser und Ruhezeiten wieder. Zudem unterscheidet sich das Temperaturprofil der Zuflüsse von dem des Sees. Daher gibt die aufgezeichnete Temperatur einen weiteren Hinweis auf den Standort des Fisches.

Es ist bereits bekannt, dass Welse sich in einem „revierartigen“ Bereich aufhalten. Allerdings ist nicht bekannt, wie sie dieses Revier bezüglich der Tiefe nutzen. Da der gewählte Datenlogger über eine Speicherkapazität von 8 MB verfügt (das entspricht etwa 5,5 Millionen Datenpunkten und einer Batterielaufzeit von etwa 730 Tagen) kann theoretisch über einen relativ langen Zeitraum überprüft werden, welche Temperatur das Gewässer afuweist und ob die Maximaltiefe eines Zuflusses von einem Tier überschritten und somit der See zum Fressen aufgesucht wurde.

Durch den Habitatwechsel kann die Hypothese, ob Welse durch ihre schnelle Anpassungsfähigkeit innerhalb kürzester Zeit zu einem Top-Prädator aufsteigen und so eine gewachsene Fisch-Lebensgemeinschaft nachhaltig verändern, näher untersucht werden und zukünftige Schlüsse für ein fischereiliches Management dieser Art ermöglichen.

Zusätzlich zur Lebensraumnutzung und dem saisonalen Verhalten der Fische werden sowohl bei Fang als auch beim Rückfang Daten wie Gewicht, Größe, Geschlecht und Koordinaten des Fangs bestimmt. Anhand dieser Daten lässt sich das Wachstumspotenzial und die Ausbreitungstendenz der Welse im Bodensee und seinen Zuflüssen zu bestimmen.